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Berge in
Not - Was wird aus den Alpen?
Text: Erla Zwingle -
Fotos: Melissa Farlow und Randy Olson
Mitte Juni geht der
Pitztaler Gletscher in Sommerurlaub -
er beginnt zu schmelzen. In eisigen Strömen, die sich schließlich an den
Stränden Süd- und Osteuropas verlieren, schießt sein Wasser die Tiroler
Berge hinab. Die Betreiber der Lifte und anderer Einrichtungen auf dem
Gletscher sehen dies mit großer Sorge - und beschlossen, etwas radikal
Neues auszuprobieren: Sie orderten riesige weiße Matten und deckten
damit sechs Hektar des Eisfelds ab. Seither schmilzt hier das Eis nicht
mehr so schnell. Und seither hüllt man auch in Deutschland und der
Schweiz einige Gletscher zumindest teilweise in Decken.
Eines Morgens im Juli fahre ich mit der Forscherin Andrea Fischer und
einer Studentengruppe der Universität Innsbruck auf den
Stubaier Gletscher. Wie jede Woche
wollen sie messen, um wie viele Zentimeter sein Eis unter den
verschiedenen Arten von Gewebe geschmolzen ist. In Reihen liegen große
quadratische Matten aus Wolle, Hanf, Kunststoff und Kombinationen aus
mehreren dieser Materialien auf dem angetauten Eis. Eines der
Versuchsquadrate unter Kunststoff hat innerhalb einer Woche fast 30
Zentimeter an Stärke verloren. "Es ist ziemlich normal, dass Gletscher
an Masse zu- oder abnehmen", sagt Fischer. Nicht normal ist nach Meinung
von Klimatologen die Geschwindigkeit, mit der das zur Zeit geschieht.
Die Wissenschaftlerin und ihre Studenten wollen herausfinden, welches
Material die Gletscherschmelze am wirksamsten verlangsamt.
Unterschiedliche Stoffe, darunter ein neuartiges weißes Vlies, haben das
Abschmelzen auf nur fünf Zentimeter reduziert. Ein Erfolg. Doch man kann
nicht gut eine ganze Gebirgskette in Decken packen, wenngleich manche
Leute das wünschen. Denn vom alpinen Eis und Schnee hängt viel ab: der
Skisport, der Tourismus, zahllose Existenzen. Wer die Alpen wirkungsvoll
gegen die Umweltbelastungen und den Ansturm der Massen schützen will,
muss sich aber mehr einfallen lassen.
In den kommenden Wochen werden in den Bergen hinter Turin die 20.
Olympischen Winterspiele ausgetragen. Im Fernsehen wird man die üblichen
Alpenklischees zeigen - und Landschaften, die erhaben und unberührt
scheinen. Die Wahrheit sieht anders aus. Die Alpen werden seit
Jahrhunderten intensiv genutzt. Nur 17 Prozent der 191 000
Quadratkilometer umfassenden Berglandschaft sind in Naturparks
geschützt. Alle Infrastruktur konzentriert sich auf die Täler - Dörfer,
Straßen und Autobahnen, die Eisenbahn, Fabriken. Fast 14 Millionen
Menschen leben in den Alpen, drei Viertel von ihnen in Stadtregionen,
manche in Gegenden mit höherer Bevölkerungsdichte als in den
Niederlanden. Und doch fällt es schwer, von den kitschigen Bildern
abzulassen. Beinahe instinktiv blenden wir die weniger schönen Dinge
aus. "Viele Menschen suchen in den Alpen noch immer den netten alten
Mann mit Vollbart und Pfeife", sagt Andreas Götz, der Geschäftsführer
der Internationalen Alpenschutzkommission (Cipra) mit ironischem
Unterton. "Und Leute, die den lieben langen Tag lang Schokolade und Käse
herstellen und dabei glücklich sind." Die Alpen stehen zunehmend im
Zeichen des großen Geschäfts. Aus dem französischen Kurort Evian werden
jeden Tag mehr als sechs Millionen Liter Mineralwasser in alle Welt
verschickt. Das Unternehmen bewirbt sein Produkt mit romantischen
schneebedeckten Gipfeln. Darüber steht: "Herzlich willkommen in unserer
Fabrik".
Die Leute von Evian
haben Recht: Die Alpen sind eine Art Fabrik für ganz unterschiedliche
Produkte. Millionen Kubikmeter Nutzholz und Hunderttausende Tonnen Eisen
und Salz werden hier gewonnen, große Mengen an Käse, Wein und Äpfeln
erzeugt. Der Sport und eine große Vielfalt an teuren, manchmal
gefährlichen Vergnügungen werden immer wichtiger. Seit der Erfindung des
Wintertourismus vor etwa 140 Jahren haben sich diese Berge zu einer
riesigen Spaßfabrik entwickelt. All dies hat Bergbewohner, die seit
Generationen isoliert leben, in die moderne Zeit katapultiert. "Manche
trauern den alten Zeiten nach", sagt der 70-jährige Xavier Siaud, der
auf einem Bauernhof in der Nähe von Le Perrier aufwuchs. "Ich komm da
nicht mehr mit. Früher gehörte die Armut hier zum Leben."
Noch vor drei Generationen verließen die Männer im Winter regelmäßig
ihre Dörfer, um anderswo Geld zu verdienen. Sie zogen durch ganz Europa
und verkauften alles Erdenkliche von Decken bis zu Blumenzwiebeln. Heute
kommen auf jeden Bauern in Lederhosen zehn Menschen, die Skipässe
verkaufen, neun Ferienhausbesitzer, acht Lastwagenfahrer, sieben
ausländische Zimmermädchen, sechs Pizzabäcker und eine große Zahl von
Leuten, die ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Postkarten und
Einwegkameras bestreiten. Es ist nicht immer leicht, das zu akzeptieren.
Quelle:
National
Geographic Deutschland; Heft Februar 2006
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