Ausflugstipps für große Kinder
Minenschächte, alte Flugplätze, Hinterlassenschaften von Armeen: Geocaches machen den Ausflug zur digitalen Schatzsuche und “Lost Places” zum Abenteuerspielplatz.
Bild Quelle: © Schrottie
Geocacher behalten ihre “Lost Places” gerne für sich, deshalb bleibt diese Brandenburger Kaserne ohne genaue Ortsangabe. Die Koordinaten für die versteckten Filmdosen gibt es im Internet
Das Auto sollen wir besser hier schon abstellen, sagt Exilhamburger. Auf dem Gelände, das wir gleich erkunden wollen, patrouilliere ein Wachdienst. Wir hören auf ihn – Exilhamburger hat Erfahrung mit solchen Orten – und legen die letzten Meter zum Start brav zu Fuß zurück.
Exilhamburger ist der Name, unter dem der Anwalt im Internet auftritt, wenn er sein Hobby betreibt: Geocaches suchen. Mehr als 1000 hat er bereits gefunden und ist damit längst ein alter Hase unter den Geocachern – Menschen, die ausgerüstet mit GPS-Geräten von anderen versteckte Objekte suchen. Heute ist Exilhamburger für uns so etwas wie ein Reiseführer. Er hat uns an diesen Ort gebracht, etwa eine Stunde von Berlin entfernt, mitten in Brandenburg. Viel Grün gibt es dort und einzelne Wohninseln. Eine ganz normale Landschaft und für ein Ausflugsziel eigentlich zu unscheinbar.
Wäre da nicht das Geocachen, das uns den Blick auf den morbiden Charme der Gegend eröffnet. Auf 3000 Hektar erstreckt sich ein Gelände, das einst die Rote Armee betrieb und das nun der Schatzsuche dient, ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene sozusagen: mit halbzerfallenen Kasernen, einem Flugzeughangar, Offizierscasinos, Wassertürmen, Bunkern, kilometerlangen Rollfeldern und sogar einem alten Kinosaal. Auf dem Gelände liegen gleich mehrere Caches, fantasievoll und nicht immer leicht zugänglich versteckt. Der Wachdienst fungiert als lebende Erschwerung der Aufgabe.
“Lost Places” in Brandenburg
Kurze Impressionen einer Geocaching-Tour
Unser Profi erklärt uns die Basics: Geocaching gibt es seit dem 3. Mai 2000, dem Tag, an dem bei Portland in den USA der erste Cache versteckt und innerhalb von 24 Stunden zum ersten Mal gefunden wurde. Es funktioniert so ähnlich wie Schatzsuche, nur dass man keine Karte aus Papier benutzt. Der, der den Schatz versteckt hat, hinterlegt dessen Koordinaten in speziellen Foren im Internet. Ein bisschen Ausrüstung braucht man für das Hobby, teuer ist das nicht, ein GPS-fähiges Handy tut es zur Not, Handschuhe sind nützlich und eine Taschenlampe ein Muss.
Die Start-Koordinaten N 52° 08.590 E 013° 21.129 führen uns an ein niedergewehtes Eingangstor mit viel Stacheldraht. Dort beginnt die Tour namens “Zimmer mit Aussicht“. Sie ist ein sogenannter “Multicache”, besteht also aus einer Reihe von Stationen, wobei jede von ihnen die Koordinaten für die nächste liefert. Verborgen sind sie meist in einer Filmdose oder in einem Kistchen. Wer sie findet, darf sich in dem winzigen Büchlein verewigen, das darin steckt – wie Gipfelbücher bei Bergtouren.
Die erste Suche geht schnell. Wir entdecken nach kurzer Suche im Geäst unsere nächsten Zielkoordinaten. Die folgenden Stationen aber machen es uns Anfängern schwerer. Exilhamburger geht mit seinem 400 Euro teuren Profi-Navigationsgerät voraus und schlägt einen Weg durchs hüfthohe Gestrüpp vor. Vierzehn Jahre hatte die Natur Zeit, sich diesen Ort zurückzuholen. Unkraut hat den Asphalt aufgesprengt, den weichen Sandboden halten Moos und Flechten zusammen, Spinnweben und Äste streifen unsere Gesichter. Abenteuerstimmung.
“Owner” nennt man den, der den Cache versteckt hat. In diesem Fall heißt er Hornesia. Hornesia ist in der Szene ein bisschen bekannt für seine anspruchsvollen Touren, die meist zu “Lost Places” führen. In einem Interview auf dem Geocaching-Blog ksmichel erzählt er, dass er viele seiner Zielorte zuerst mit Hilfe von Google Earth erkundet.
Hornesia hat seine Caches in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern ausgelegt. Man kann aber in allen Bundesländern solche Touren suchen und wird dann ähnlich tolle Ausflugsziele entdecken, die kein normaler Tourist je zu Gesicht bekäme. Allein in der Lüneburger Heide gibt es fünf von ihnen, ein ganzes Dutzend beispielsweise in Nordhessen.
Geocaching ist inzwischen ein so beliebtes Hobby wie Angeln oder Windsurfen: Die Deutsche Wanderjugend unterstützt die Seite geocaching.de, dort sind über 14.000 Benutzer registriert. Das komplett kostenlose Opencaching.de verzeichnet 59.000 angemeldete Geocacher. Die größte Datenbank mit einer Option für zahlende Premium-Mitglieder ist Geocaching.com mit über einer Million Caches in 222 Ländern. Oft lässt sich ein Kurzurlaub für die ganze Familie daraus stricken. Und sollte das Gelände dafür nicht geeignet sein, weisen die meisten “Owner” sogar darauf hin.
Wie beim Water Gate Hotel etwa, einer stillgelegte Pumpstation in Bayern, über den der “Owner” schreibt, er befinde sich “am dunkelsten (rostigsten) Ort, den Ihr im Gebäude finden könnt – hab mich beim Verstecken selbst etwas gegruselt (und das an einem sonnigen Tag
und bin nicht so weit vom dem einzig problemlos möglichen der vier Eingänge weggegangen”.
Oder der Cache “Briedener Kieskaul” in Rheinland-Pfalz: In der alten Kiesabbauanlage liefern die einzelne Orte jeweils nur eine Ziffer zum endgültigen Versteck. Die Schnitzeljäger müssen etwa die Betonmauern im Schüttgutlager unterhalb der Wiegestation zählen oder sich die erste Ziffer der Höchstlast einer alten Lkw-Waage merken. Viele Owner haben ihre Beschreibungen mit Hinweisen auf die Geschichte des Orts angereichert und die Besucher steuern in den Kommentaren oft zahlreiche Fotos bei. Normale Reiseführer mögen anders funktionieren, große Entdeckungen macht man auch hier.
“Lost Places” sind dabei noch etwas Besonderes. Die Mehrzahl liegt eher mitten in der Stadt oder an nahen Ausflugszielen, Brücken, Parks, Seen. Die sogenannten Nachtcaches funktionieren nur bei Dunkelheit, weil man sich an Lichtreflektionen oder Geräuschen orientieren muss. Für manche Touren muss man auch klettern, komplizierte Rätsel lösen oder mit dem Kanu paddeln. Oder sich durch Fenster zwängen und muffige Gespensterhäuser ableuchten.
Uns führt das GPS-Gerät als nächstes zu einem Gebäude, das früher gelb gestrichen war: Fensterrahmen ohne Glas, ein alter Waschraum, Polsterstühle, die ihr Inneres ausgespuckt haben. Dort hat es uns Hornesia schon deutlich schwerer gemacht. “Akribisch gucken”, mahnt der Profi. Am Ende lesen wir die Koordinaten von einer Kleiderstange im Schrank ab, allerdings musste man an ihr drehen, um die Ziffern zu entdecken. Da muss man erst einmal drauf kommen! Ohne Guide hätten wir fast aufgegeben.
In den folgenden vier Stunden entdecken wir dunkle Keller genauso wie monumentale Wandbilder der Sowjets. Unter unseren Schritten knirschen Glasscherben. Das könnte auch der Anfang zu einem Psychothriller sein. Wir müssen Eisenschränke durchsuchen, klapprige Treppen besteigen, einen Turm erklimmen und manchmal ganz schön lange grübeln, bis wir der Logik von Hornesia auf die Schliche kommen. Die Versteckideen sind immer gewitzt, nie wahllos.
Zwar kann jeder auf der Seite geocaching.com nachgucken, an welchem Längen- und Breitengrad genau unser Cache in Brandenburg versteckt liegt, aber für Außenstehende benennen sollen wir die Gegend keinesfalls, sagt unser Guide, der sich noch nicht einmal mit seinem richtigen Tarnnamen zu erkennen gibt. Sonst könnte jemand von offizieller Seite auf die Idee kommen, das Gelände zu sperren, den Eintrag zu löschen und die anderen Geocacher damit gegen ihn aufbringen. Die Liebhaber der “Lost Places” bewegen sich irgendwo zwischen heimlicher Duldung und rechtlicher Grauzone.
Auch in den Kommentaren zu “Zimmer mit Aussicht” erzählen nicht wenige, dass sie der Wachdienst geschnappt hätte, bevor sie ihre Tour beenden konnten. Wir haben Glück. Und auch bei unserer finalen Kletterei geht alles gut. Der Profi versenkt dann noch einen sogenannten “Travel Bug” in der Findekiste. Den hat er aus seinem letzten Urlaub im Baltikum mitgebracht, und von Geocacher zu Geocacher weitergereicht, reisen diese kleinen Talismane jetzt um die Erde.
Die Welt ist vielleicht kein Ponyhof. Aber ein ziemlich großer Abenteuerspielplatz.
Quelle: ZEIT Online -August 2010












