Dolomiten
Die Dolomiten – Eine Einführung
Ein Zwergenvolk hat einst die Dolomiten mit Fäden aus Mondlicht eingesponnen, um eine heimwehkranke Mondprinzessin auf der Erde bei ihrem Prinzgemahl zu halten. Daher wurden sie die „Bleichen Berge“ genannt. Diese Geschichte erzählten sich die Ladiner, die ältesten Bewohner des Gebirges am südöstlichen Rand der Alpen. Die Sage vom Zwergenkönig Laurin und seinem versteinerten Rosengarten, von der Fanes-Prinzessin Dolasilla oder von den Schlernhexen sind poetische Versuche, die Schönheit der bizarren Felsen und Türme, der wuchtigen Blöcke und Riffe einzufangen, die noch heute jeden Besucher der Dolomiten fasziniert. >weiter lesen
Dolomiten
Die Dolomiten liegen in Südtirol auf südlicher Seite des Brenners. Südtirol war altöstereichiches Kronland Tirol, das 1919 an Italien fiel und jetzt die italienische Proviens Bozen in der autonomen Region Trentino-Südtirol ist. Nach dem deutsch-italienischen Umsiedlungsabkommen von 1939 optierten etwa 86% der Bevölkerung für Deutschland, doch wurde wegen des Krieges nur ein geringer Teil umgesiedelt. Die österreichische Forderung auf Rückgliederung von Südtirol wurde 1946 abgelehnt. In dem italienischen Friedensvertrag zwischen Österreich und Italien sollte der deutschsprachigen Bevölkerung weitgehende Autonomie gewähren werden. Diese Erwartungen wurde nur in begrenztem Umfang erfühlt. Die seit 1955 geführten österlich-italienischen Verhandlungen über das Südtirol Problem gelangten bis 1969 zu einem gewissen Abschluß. Beide Seiten erkannten den Internationalen Gerichtshof in Den Haag als einzig zuständige Schlichtungsinstanz für Streitigkeiten an.
Bild Quelle: National Georaphic
Das steinerne Herz der Welt
Wandern auf einem Meeresgrund. Mit dem Rad Korallenriffe umrunden. Durch die Erdgeschichte klettern. Oder einfach schauen, schauen und staunen. Die Dolomiten sind als Gebirgslandschaft einmalig: benannt nach ihrem “Entdecker”, berühmt für ihre Gipfel und Zinnen, beliebt bei Alpinisten wie bei Berggehern. Und die Unesco hat sie letzthin zum Weltnaturerbe erklärt – wegen ihrer „einzigartigen monumentalen Schönheit“.
Wer diese Geschichte erzählt, muss zuerst von Korallen und Kalkalgen sprechen, von Muscheln und Kopffüßlern, die in einem Meer namens Tethys lebten, das einst große Teile des Erdballs umspannte. All dieses Getier fraß, schied aus, vermehrte sich und starb, milliardenfach, und schuf ganz nebenbei etwas, das der berühmte Schweizer Architekt Le Corbusier „die eindrucksvollsten Bauwerke der Welt“ nannte: die Dolomiten. Es dauerte 230 Millionen Jahre, bis dieses Wunder auf dem Meeresboden entstehen konnte. Und es bedurfte titanischer Kräfte, bis es sich aus den Wassern erhob. Vor rund 30 Millionen Jahren schob sich die Afrikanische Kontinentalplatte gegen die Europäische, unter dem gewaltigen Druck faltete sich die Erde auf, der Ozean verschwand bis auf wenige Reste im heutigen östlichen Mittelmeer.
Aus den Tiefen der Tethys tauchten Korallenriffe auf, ganze Welten voller Fossilien aus fernen, tropischen Gegenden. Erst vorigen Sommer fanden Wiener Geologen in fast 3000 Meter Höhe im Puez-Gestein die 120 Millionen Jahre alte Astgabel einer Araukarie – eines Nadelbaums, wie man ihn aus Südamerika kennt! Kaum ragten die einstigen Meeresböden in den Himmel, rüttelten Stürme an ihrer Kruste, kratzten, fegten und scheuerten sie wund. Die Sonne hämmerte mit heißen Schlägen auf sie ein, Frost sprengte ihren Körper auf, es öffneten sich Schründe und Abgründe.
So langsam sie aus dem Meer aufstiegen, so jäh ragen die Reste der Riffe heute vor dem Betrachter auf. Selbst wer sie schon hundertmal gesehen hat, wird immer wieder überrascht sein, wie sich die Dolomiten über grüne Almen erheben, wie sie aus dichten, dunklen Wäldern emporwachsen. Gleich aus welcher Richtung man sich ihnen nähert, durch das Eisacktal von Norden, über das Pustertal im Osten, vom Piave- und dem Etschtal im Süden – immer schießen sie wie steinerne Fontänen aus der Erde.
„The Dolomite Mountains“ lautet der Titel des Buchs der beiden Engländer. Es erschien 1864 und schrieb Geschichte: Nach der Publikation dieses Reiseberichts setzte sich der Name „Dolomiten“ für die südlichen Kalkalpen endgültig durch, und seit 1876 bezeichnet er ein Gebirge, das zuvor – naheliegend und poetisch zugleich – die Bleichen Berge genannt wurde.
Bestaunt, bewundert und wohl auch gefürchtet haben sie gewiss schon die Steinzeitjäger, die einst zu ihren Füßen Rast machten. Aber bis vor zwei Jahrhunderten hat niemand diese Felstürme je erkundet und schon gar nicht erklettert. Die Menschen, die in dieser steilen Welt siedelten, hatten täglich damit zu tun, dem kargen Boden genug zum Leben abzugewinnen. Sie brauchten ihre Kraft, um der Natur zu trotzen, Feld und Tier und Hof vor existenzbedrohenden Gefahren zu schützen. Nichts war hier dem Menschen sicher. Ein Hang konnte ins Rutschen geraten, ein Sturzbach alles fortreißen. Dazu kam die ewige Einsamkeit. Wozu also sollten die Einheimischen auf die Berge steigen? Gar einen Gipfel erklimmen?
Wie würden diese Leute staunen, wenn sie sehen könnten, wie heute an manchen Felswänden Dutzende bunter Figuren höher und höher krabbeln. Hätten sie sich je vorstellen können, was ein Dolomitenkletterer im Jahr 2009 in sein Internet-Tagebuch notierte: „Dass auch Reisebusse am Grödnerjoch hielten und Dutzende Leute mit Helm und Klettergurten ausspuckten, ließ zu Beginn noch keinen Verdacht aufkommen. Nach 15 Minuten waren wir an einem Steilaufschwung, der mit Klammern gesichert war. Hier war der erste Kletterer-Stau zu verzeichnen. Noch waren wir ahnungslos … Es ging nun unschwierig zum Hauptteil des Klettersteiges. Dort traf uns fast der Schlag: So weit wir schauen konnten, waren im Felsen Menschen, unter- und übereinander, Kopf an Fuß, Ameise an Ameise … Senkrecht hinauf, an Leitern hängend, an Klammern geklammert, an Stiften und Drahtseilen angeseilt … Die Hängebrücke war das nächste Stau verursachende Kernstück des Steiges: Jeder und jede musste sich von vorn und von hinten knipsen lassen, um dann auch noch selbst die anderen und die Schlucht unter den Füßen zu fotografieren und umgekehrt.“
Nein, das alles war nicht die Sache der Bewohner dieser Gegend. Ja, es war sogar frevelhaft, die Türme und Spitzen dieses Reichs zu betreten. Die Menschen gingen in diesen Höhen auf die Jagd, doch das waren die einzigen, kurzen Exkursionen in eine unheimliche Welt. Der Jäger erlegte Reh und Gams und trug sie im Morgengrauen nach Hause wie ein Dieb seine Beute. Wenn sich einmal jemand dort hinaufwagte, ereilte ihn die gebührende Strafe.
So führte im Jahr 1802 Don Giuseppe Terza, der Pfarrer von Ornella, eine Gruppe aus seiner Gemeinde auf den Gletscher der Marmolata: um die Schönheit der Natur zu würdigen und wohl auch bestrebt, die eigenen Grenzen auszuloten und seine Kräfte am höchsten, mit einem Eispanzer überzogenen Gipfel der Dolomiten zu messen. Der Pfarrer verschwand in einer Gletscherspalte und ward nie wieder gesehen. Sein Schicksal wirkte wie eine Mahnung: Dieses Reich sollte man lieber meiden!
Denn es gehörte anderen Wesen, den Zwergen, Hexen und Sonnentöchtern. Dort oben lebten die Ganas, die Salwans und die Wiwenas. Trieben ihr Unwesen, flogen mit flammenden roten Haaren umher, tanzten und wirbelten wie wild im Kreis. Aus dem Wurzelwerk der Zirbeln, aus Felsspalten und Höhlen waren ihre Stimmen zu hören, ein Flüstern und Rascheln, ein Zischen und Fauchen, das jedem Vorbeigehenden kalte Schauer über den Rücken jagte. Dort oben herrschte König Laurin in seinem Reich aus Kristall und verteidigte es mit Macht und Einfallsreichtum. Diese Wesen trugen in immer neuen Varianten dem Menschen eine Botschaft zu: Wer sich an der Natur vergeht, der wird bestraft. Wer uns ungebührlich nahe kommt, muss Schreckliches gewärtigen.
Es scheint leicht, diese Geschichten als Phantasmen einer abergläubischen Zeit abzutun, die noch nicht ausgeleuchtet war von der Fackel der Aufklärung. Doch reicht ein Blick auf die Dolomiten, um zu erkennen, dass sie auch ohne Menschen erfüllt sind mit Leben, dass in ihrem Farbenspiel ein im Stein verborgenes mächtiges Herz pocht. „Stell dir Berge vor, welche die Form von gotischen Kathedralen haben, von Schlossruinen, Wällen, hohen Türmen, Rampen und Zinnen, versteinerten Blitzen. Berge, die aus einem Felsen gemacht sind, die mit Fortschreiten des Tages ihre Farbe ändern: Sonnenaufgang, Morgen, Mittag, Sonnenuntergang, Abend, Nacht … Sie können weiß sein wie der Schnee, gelb wie die Sonne, grau wie die Wolken, rosa wie eine Rose, schwarz wie verbranntes Holz, rot wie Blut … Was ist die Farbe der Dolomiten? Ist sie Weiß? Gelb? Grau? Perlfarben? Aschgrau? Ist es der Lichtreflex von Silber? Die Fahlheit eines Toten? Ist es die Form einer Rose? Sind die Felsen Wolken? Sind sie wirklich, oder ist es ein Traum?“ Das schrieb Dino Buzzati, ein berühmter italienischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, ganz offensichtlich hingerissen von diesem Anblick.
Quelle: National Geographic Autor: Ulrich Ladurner



